Wagnerliteratur

  • Ich weiß nicht, warum "man" so etwas liest, lieber JLSorel. Ich habe es aus musik- und kulturhistorischem Interesse und zugleich zur Erheiterung gelesen. Es macht doch einfach auch Freude, manchmal sogar auch Spaß zu lesen, was sich Menschen so ausdenken. Das sagt doch viel über die Zeit und über das, was Menschen damals bewegt und beschäftigt hat.

  • Das ist sicher richtig, aber waren das nicht zwei dicke Wälzer?

  • Nein, das sind kleine Arbeiten. Der Puschmann hat nur 70 Seiten und die kleine Erwiderung von "C.P." unter 40 Seiten. Diese können Sie ja mit dem angegebenen Link aufrufen.

  • Dann geht es natürlich. Ich hätte das sonst unter 'Zeitverschwendung' abgehakt.

  • Auch wenn es mehr Seiten hätte: Zeitverschwendung ist es nur dann, wenn man sich Falsches davon verspricht. Ich sehe das auch unter dem Aspekt der gelehrsamen Unterhaltung. Man lernt etwas Neues kennen, auch wenn es kurios ist. In der Zeit, in der ich mir vielleicht sonst zum wievielten Male auch immer eine Oper anhöre, kann ich auch ab und zu mal meinen Horizont erweitern.


    Ich schließe mit einer weiteren kurzen Empfehlung:

    Moritz Wirth: "Mutter Brünnhilde. Zwei neue Szenen zur Götterdämmerung; mit einem Gutachten von Dr. Max Korman, prakt. Arzt und Geburtshelfer". In diesem Werklein von 1906 versucht der nicht unbekannte Autor nachzuweisen, dass Brünnhilde schwanger ist. Er entdeckte bzw. (er)fand ein "Motiv der Milchdrüse" oder "Lusttriole" und ein "Motiv der Mutterschaftshoffnung". Ein wahrhaft kurioses Schriftstück, herrlich zu lesen, unterhaltsam.
    Im alten Wahnfried - Museum stand es im Kuriositätenkabinett. Ich konnte vor 21 Jahren noch ein Exemplar antiquarisch erwerben. Aber nun ist es seit langem leider schon nirgends mehr zu erhalten. Aber vielleicht erhält man es noch in Leihbibliotheken. Man kann ein paar schöne Stunden damit verbringen. Auch das sind übrigens nur 84 engbedruckte Seiten, mit vielen Notenbeispielen, aber etwas anspruchsvoller zu lesen. Je besser man den "Ring" kennt, desto eher lohnt die Lektüre, weil die Untersuchung manchmal sehr ins Detail geht.

    2 Mal editiert, zuletzt von Hagen. () aus folgendem Grund: Nachtrag Information

  • Um mit den empfohlenen Büchern wirklich etwas anfangen zu können, sollte man Psychiater bzw Gynäkologe sein. :(

  • Um mit den empfohlenen Büchern wirklich etwas anfangen zu können, sollte man Psychiater bzw Gynäkologe sein.

    Nein, sie sind ohne jegliche Fachkenntnisse les- und verstehbar.

  • Er entdeckte bzw. (er)fand ein "Motiv der Milchdrüse" oder "Lusttriole" und ein "Motiv der Mutterschaftshoffnung".

    Vielen Dank! Oh mein Gott, wie .... herrlich ..... :S Gibts da auch ein Notenbeispiel dafür? ^^

  • Motiv der Milchdrüse ist natürlich etwas albern, aber Lusttriole gefällt mir ?.

  • Gibts da auch ein Notenbeispiel dafür?

    Ja, es ist eine Abwärtstriole: gis, fis, cis.

    Wirth räumt aber ein, dass dieses Motiv "wie alle übrigen Schwangerschaftsmotive nicht für seinen Zwecke eigens erfunden" ist.
    So verstiegen das alles klingt: wenn man es liest, merkt man, wie intensiv der Autor sich mit dem Werk beschäftigt hat, mit Text - Musik - Relationen, mit Wagners Textentwürfen im Vergleich zur Endfassung, taktweisen Regieentwürfen, Skizzen des Bühnenbildes etc.

  • Motiv der Milchdrüse ist natürlich etwas albern, aber Lusttriole gefällt mir ?.

    Es ist ja nicht so, dass es heute selbst in der wissenschaftlichen Literatur keine Kuriositäten in der Wagnerliteratur gäbe.

    So wird in einer neueren Dissertation von der "latenten Bigeschlechtlichkeit" Brünnhildes und der Walküren gesprochen. Erst später wird Brünnhilde zur Frau:

    "Die Frau-Werdung Brünnhildes erfolgt also durch die Eliminierung ihrer männlichen Anteile, die zeichenhaft durch den Panzer und die Waffen verdeutlicht werden. Analog zur Erwerbung der Geschlechtsidentität Brünnhildes erfolgt die Mann-Werdung Siegfrieds, die in der Schwertschmiedung thematisiert wird. Dabei steht das Schwert als phallisches Sinnbild, mit dem antizipierend auf Brünnhildes bevorstehende Entjungferung durch Siegfried verwiesen wird: „starr ward er und steif, / herrisch der harte Stahl, / heißes Blut doch fließt ihm bald!“ Während die Härte des Schwertes, die es beim Schmieden zu erlangen gilt, für die männlichen Anteile Siegfrieds steht, gilt es darüber hinaus, die ihm ebenfalls eigenen weiblichen Anteile zu tilgen: „deine weiche Härte dem Hammer weicht (...) nun schwinde die rote Scham; werde kalt und hart wie du kannst.“ (S. 183) Auch wenn Siegfrieds Forderung sich auf das glühende Schwert bezieht, so stellt die „rote Scham“ darüber hinaus eine deutliche Anspielung auf das weibliche Geschlechtsorgan dar.", schreibt N. Wulf 2005, in einer Dissertation mit dem Titel "Korrelationen von politischen und erotischen Konzeptionen in ausgewählten Nibelungen - Adaptionen des 19. Jahrhunderts. Wer intensiver einsteigen will, kann es inzwischen auch hier nachlesen: https://macau.uni-kiel.de/serv…Dissertation_komplett.pdf

    2 Mal editiert, zuletzt von Hagen. ()

  • So wird in einer neueren Dissertation von der "latenten Bigeschlechtlichkeit" Brünnhildes und der Walküren gesprochen.

    Das überrascht natürlich nicht, es ist dem Geist der Zeit geschuldet. In einigen Jahren wird man sich darüber amüsieren wie heute über die Erzeugnisse des Herrn Puschmann.


    Ein kleiner Tipp von Schopenhauer:


    "Daher ist, in Hinsicht auf unsere Lektüre, die Kunst, nicht zu lesen, höchst wichtig. Sie besteht darin, dass man Das, was zu jeder Zeit so eben das größere Publikum beschäftigt, nicht deshalb auch in die Hand nehme, wie etwa politische oder kirchliche Pamphlete, Romane, Poesien u. dgl. m., die gerade eben Lärm machen, wohl gar zu mehreren Auflagen in ihrem ersten und letzten Lebensjahre anfangen: vielmehr denke man alsdann, daß wer für Narren schreibt allezeit ein großes Publikum findet, und wende die stets knapp gemessene, dem Lesen bestimmte Zeit ausschließlich den Werken der großen, die übrige Menschheit überragenden Geister aller Zeiten und Völker zu, welche die Stimme des Ruhmes als solche bezeichnet. Nur diese bilden und belehren wirklich.

    Vom Schlechten kann man nie zu wenig und das Gute nie zu oft lesen: schlechte Bücher sind intellektuelles Gift, sie verderben den Geist. – Weil die Leute, statt des Besten aller Zeiten, immer nur das Neueste lesen, bleiben die Schriftsteller im engen Kreise der cirkulirenden Ideen und das Zeitalter verschlammt immer tiefer in seinem eigenen Dreck."

  • Der Dummdaumler ist schon am frühen Sonntagmorgen unterwegs.

  • Zitat NMZ:

    "Sollte man die Opern ihres Begründers möglichst werkgetreu nach dessen Vorgaben inszenieren, was trotz seines berühmten Ausspruchs „Kinder! Macht Neues!“ lange als Credo galt..."


    Der Autor hat nicht verstanden, was Wagner damit meinte.

  • Ich habe den entsprechenden Brief von Wagner jetzt einmal herausgesucht. Hier zitiere ich nun ausführlich die ganze Textpassage, in dem das vielfach missdeutete und für alles Mögliche ungerechtfertigterweise in Anspruch genommene Zitat vorkommt, im Zusammenhang.


    "Bülow hat ganz richtig

    auseinandergesetzt, worin das Verfehlte des Cellini liegt:

    in der Dichtung, und in der unnatürlichen Stellung, in

    welche der Musiker dadurch gedrängt wurde, daß er

    durch rein musikalische Intentionen einen Mangel decken

    sollte, den eben nur der Dichter ausfüllen kann. Diesem

    Cellini wird Berlioz nun und nimmermehr aufhelfen:

    aber, wer gilt denn mehr, Cellini – oder Berlioz? Laßt

    doch den ersteren fahren, und helft dem zweiten auf! Für

    mich hat es etwas grauenhaftes, diese galvanischen

    Wiedererweckungsversuche mit anzusehen! Berlioz soll

    doch nur um des Himmels Willen eine neue Oper

    schreiben; es ist sein größtes Unglück, wenn er dieß nicht

    thut, denn nur Eines kann ihn retten: das Drama, und nur

    Eines muß ihn immer tiefer verderben, sein eigensinniges

    Umgehen dieses einzigen richtigen Ausweges, – und dieß wird

    nur bestärkt durch neues Befassen mit einem alten

    Versuche, bei dem ihn eben der Dichter im Stiche ließ,

    den er nur immer wieder durch seine Musik ersetzen will.

    Glaub' mir – ich liebe Berlioz, mag er sich auch

    mistrauisch und eigensinnig von mir entfernt halten: er

    kennt mich nicht, – aber ich kenne ihn. Wenn ich mir von

    Einem etwas erwarte, so ist dieß von Berlioz: nicht aber

    auf dem Wege, auf dem er bis zu den

    Geschmacklosigkeiten seiner Faustsymphonie gelangte, –

    denn geht er dort weiter, so kann er nur noch vollständig

    lächerlich werden. Gebraucht ein Musiker den Dichter, so ist

    dieß Berlioz, und sein Unglück ist, daß er sich diesen

    Dichter immer nach seiner musikalischen Laune

    zurechtlegt, bald Shakespeare, bald Göthe sich nach

    seinem Belieben zurichtet. Er braucht den Dichter, der

    ihn durch und durch erfüllt, der ihn vor Entzücken

    zwingt, der ihm das ist, was der Mann dem Weibe ist. Ich

    sehe es mit Jammer, daß dieser über Alle Maaßen begabte

    Künstler an dieser egoistischen Einsamkeit zu Grunde

    geht. Kann ich ihm helfen?? – Du willst den Wiland nicht:

    ich halte dieß Gedicht für schön, kann es aber für mich

    nicht mehr ausführen. Willst Du es Berlioz anbieten?

    Vielleicht wäre Henri Blaze der Mann, es französisch zu

    bearbeiten? –

    Wie ist's nun mit Raff? Ich denke, er arbeitet an einem

    neuem Werk? Nein, er richtet ein altes her! Haben die

    Menschen denn gar kein Leben? Aus was kann der

    Künstler schaffen, wenn er nicht aus dem Leben schafft,

    und ist dieß Leben denn nicht nur dann von künstlerisch

    produktivem Gehalte, wenn es immer zu neuen, dem

    Leben entsprechenden Gestaltungen treibt? Ist denn

    dieses Kunstarbeiten an alten Lebensmomenten herum

    künstlerisches Schaffen? Wie steht es mit dem Quelle unserer

    Kunst, wenn nicht das Neue so unwiderstehlich aus ihm

    hervorquillt, daß das Alte spurlos vor ihm verschwindet,

    oder eben in neuen Schöpfungen ganz und gar aufgeht? O

    ihr Menschen Gottes, haltet nur dieses Machen nicht für

    Kunstwirken! Welche Selbstgefälligkeit bei wie viel

    Armuth verräth es nicht, wenn man älteren Versuchen so

    nachhelfen will! Hat Raff's Oper so gefallen, wie Du mir

    sagst, so soll ihm das recht sein, und jedenfalls wurde er

    mehr belohnt als ich für meine »Feen«, die ich gar nicht

    zur Aufführung brachte, oder für mein »Liebesverbot«,

    das eine scheusliche Aufführung erlebte, oder für meinen

    »Rienzi«, an dessen Wiederaufführung ich so wenig mehr

    denke, daß ich sie sogar nicht einmal gestatten würde,

    wenn sie irgendwo projectirt werden sollte. Um den

    Holländer, Tannhäuser und Lohengrin bekümmere ich mich

    nur mit Widerwillen, und zwar deswegen, weil ich weiß,

    daß sie – wegen noch unvollkommener Vorstellungen –

    nicht vollkommen verstanden worden sind: wäre ihnen

    dieß Recht irgend wo schon wiederfahren, so würde ich

    den teufel mehr nach diesem Ueberlebten fragen. –

    Kinder! macht Neues! Neues! und abermals Neues!- hängt

    Ihr Euch an's Alte, so hat euch der Teufel der

    Inproduktivität, und Ihr seid die traurigsten Künstler."


    Aus R. Wagners Brief aus Zürich an Franz Liszt am 8.9.1852

    Einmal editiert, zuletzt von Hagen. ()

  • Ähnlich ist Wagner auch über Wolfram von Eschenbach und seine Parzival hergezogen.......