Münchner Opernfestspiele 2021

  • "Der fliegende Holländer" vom 7.7.21


    Impressionen:


    Ja, es ist immer noch die altbekannte Produktion von Peter Konwitschny, Dramaturgie Werner Hintze (die 2004 in Moskau Premiere hatte, dann ab 2006 in München und auch in Graz lief, damals immer mit Robert Hale in der Titelrolle). Sie ist in Teilen vollkommen konventionell inszeniert, der Akt im Fitnesstudio läuft sich im wahrsten Sinne des Wortes allerdings langsam tot. Wobei Leute, die die Inszenierung noch nicht gesehen haben, immer noch klatschen, wenn das Bild erscheint.
    Dann gibt es leider handwerkliche Fehler: was haben die Holländer schon auf der Bühne zu suchen, während sie von den Norwegern gehänselt werden, um sie aus ihrem Schiff zu locken? Die sitzen schon da wie in einem Münchner Biergarten. Außerdem wäre es natürlich völlig undenkbar, daß die gesamte norwegische Mannschaft in den Schätzen des Holländers wühlt, sich die goldenen Helme aufsetzt usw. Na ja, aber eine wirklich von A bis Z durchdachte Inszenierung kriegt man wohl nirgends mehr. Man muß schon froh sein, wenn das meiste stimmt, und das ist hier der Fall. Immer wieder sehr ärgerlich ist aber der Schluß: in dieser Inszenierung gibt es "the silly end", wie Robert Hale immer zu sagen pflegte, der in dieser Produktion sowohl in Moskau als auch in München und Graz mehrmals gesungen hat. Er sagte, das wäre unter Wolfgang Sawallisch nicht passiert: "Holländer" ohne den 1860 nachkomponierten Erlösungsschluß. Ein Dirigent (ich weiß leider nicht mehr, wer das war) hat sich übrigens geweigert, das Werk so mit diesem Schluß zu dirigieren (noch dazu kommen ja die letzten Töne vom Band) und hat demzufolge abgesagt.
    Und in meiner Aufführung vom 7.7. ging dieser Schluß auch noch ziemlich schief, die Bombe, die Senta in die Luft jagt, zündete nicht und das Schlußgedudel, das vom Band kommt, war kaum hörbar, da hat etwas nicht gestimmt. Egal, der Schluß ist ohnehin versemmelt und damit verschenkt.


    DAS Ereignis ist immer wieder Anja Kampe als Senta, sie war der unangefochtene Star der Aufführung. Sie verfügt über eine große, runde, warme Stimme, die auch in der Höhe und wenn sie laut und expressiv werden muß, nie schrill wird. Immer wieder ist diese Sängerin ein Genuß, auch darstellerisch. Es geht richtig unter die Haut, wenn sie als junges Mädchen, das sie ja ist, verliebt ihrem Holländer um den Hals fällt und sich in ihrem Hochzeitskleid aus dem 16. Jahrhundert dreht und wendet.


    Bryn Terfel hatte - aus welchen Gründen auch immer - abgesagt, die Titelpartie wurde von Tomasz Koniecny gesungen. Der hat eine Riesenstimme, eine "Stimme wie ein Schwert", nur leider klang sie desöfteren auch schneidend. Wirklich schön ist die Stimme nicht, dazu fallen die unschönen Vokalverfärbungen unangenehm auf. Die haben mich schon immer bei Koniecny gestört. Aber er hat Power. Das "auf" am Ende von "Ewige Verdammnis nimm mich auf!" war fast ein Wälse-Ruf, nicht enden wollend und haute einen lautstärkemäßig fast vom Sessel. Es gab Szenenapplaus! Das habe ich in einer Wagner-Oper noch nie erlebt. Er kann zwar auch Piano, aber das ist nicht sehr tragfähig. Sehr gut gelungen war allerdings das Duett mit Senta. Die Erinnerung an die edle, warme und tragfähige Stimme von Robert Hale, die auch über ein wunderschönes Piano verfügte (z.B. im Duett mit Julia Varady!), mußte man sich aber verbieten.


    Tomislav Muzek
    als Erik hat ein angenehmes, baritonales Timbre und gefiel mir gut. Und er hat sich richtig schön aufgeregt, als er das Bild zertrümmerte ;-)


    Ain Angers komödiantischer Daland hatte etwas Mühe, mit der Mordsstimme von Tomasz Koniecny Schritt zu halten, das war vor allem ganz am Anfang zu merken. Aber später gelang das dann doch recht gut.


    Die Mary von Tanja Ariane Baumgartner war rollendeckend, aber auch nicht mehr. Die Partie war aus dem eigenen Ensemble schon besser besetzt, man denke nur an die Luxus-Besetzung mit Okka von der Damerau.


    Simone Young
    dirigierte ohne Fehl und Tadel, sie langte bei den entsprechenden Stellen kräftig zu, wobei der wunderbare Staatsopernchor noch darüber hinausging.


    Eine festspielwürdige Aufführung einer guten Produktion, die aber leider - für mich jedenfalls - immer wieder durch den unbefriedigenden Schluß getrübt wird.


    Hier ein kurzer Film mit Einblicken in die Premiere in Moskau mit Robert Hale:


    https://www.dctp.tv/filme/10-v…a=der-fliegende-hollander


    Und eine Kritik aus der SZ von Egbert Tholl:


    https://www.sueddeutsche.de/mu…nder-hollaender-1.5346519

  • Danke, liebe ira! Man muss schon kange warten, bis man eine Holländer - Kritik liest, die nicht nur Interesse weckt, sondern auch richtig Lust erzeugt, die entsprechende Produktion auch zu erleben. Ihr Bericht ist eine solche.

    Das mit dem Szenenapplaus ist etwas, bei dem sich Theater - Puristen wohldie Haare raufen würden, aber Spiel und Gesang auf dem Theater darf auch virtuos sein und Publikumsreaktion auch spontan. Solche Bühnenerlebnisse bleiben unvergesslich.

  • Wahrscheinlich war - zumindest teilweise - dieser Szenenapplaus auch der Begeisterung darüber geschuldet, daß man tatsächlich wieder live in einem Opernhaus sitzen und so eine Aufführung erleben darf...

  • Schön, dass es diese Inszenierung noch gibt. Vor Jahren habe ich sie gesehen und finde sie großartig. Unbedingt ansehen!

  • Festspielkonzert des Opernstudios im Cuvilliés-Theater am 9.7.21


    Der Zugang zum Theater war an dem Abend etwas mühsam, da am Odeonsplatz das Konzert mit den Münchner Philharmonikern stattfand, rundum war alles abgesperrt.

    Dieses Konzert mit Yuja Wang kann man in der 3Sat-Mediathek nachsehen und -hören, sehr lohnenswert!


    https://www.3sat.de/kultur/mus…splatz-yuja-wang-100.html


    Geleitet wurde es von Lorenzo Viotti (dem Sohn des mit 50 Jahren viel zu früh verstorbenen Marcello Viotti), da der Chef des Orchesters Valery Gergiev nicht einreisen konnte.


    Das Konzert des Opernstudios hat in München schon lange eine liebgewordene Tradition.


    Das Opernstudio ist eine bedeutende Talentschmiede, die jungen Leute, die bis hierher gekommen sind, können auf eine Karriere hoffen. Die Besten schaffen es schnell ins Ensemble der Bayerischen Staatsoper, wie z.B. Miljan Siljanov, der beispielsweise den Donner im "Rheingold" sang, eine Rheintochter kam auch aus dem Opernstudio oder Eliza Boom als Dame der Lady Macbeth. Und manche schaffen es noch weit darüber hinaus, wie z. B. Golda Schultz oder auch Tara Erraught und Angela Brower, die am Freitag im Festspiel-Sonderkonzert auftreten werden.


    Eine berühmte Absolventin des Opernstudios ist z.B. Agnes Baltsa.


    Das Programm beinhaltete dieses Jahr Arien, Szenen und Ensembles aus "La clemenza di Tito", Gounods "Faust", "Don Pasquale" und aus der "Fledermaus".


    Wenn man genau hinhörte, konnte man die kommenden Stars schon erkennen. Mir ist ganz besonders eine Koloratursopranistin aufgefallen, die auch noch bildhübsch ist. Ihre Koloraturen und Verzierungen ("Mein Herr Marquis") waren blitzsauber gesungen, strahlend in der Höhe und mit einer bestechenden Leichtigkeit. Dazu kam temperamentvolles Spiel. Den Namen muß man sich merken: sie heißt Juliana Zara und kommt aus Kalifornien.


    Aber auch alle anderen Mitwirkenden (insgesamt 5 Damen und 6 Herren) waren ausgezeichnet und desöfteren kam einem der Gedanke, daß man sich solche Stimmen auf so manch einer arrivierten Opernbühne wünschen würde...


    Sehr gut waren auch die beiden sich abwechselnden Pianisten, eine Dame und ein Herr.


    Man stand auch nicht einfach nur an der Rampe herum, sondern das Ganze wurde mit viel Temparament und Engagement halbszenisch serviert.
    Die Begeisterung war so groß, daß das Publikum trampelte und es noch 3 Zugaben des gesamten Ensembles gab.


    Hier noch Infos zum Opernstudio der Bayerischen Staatsoper:


    https://www.staatsoper.de/opernstudio.html


    Damit waren für mich die Münchner Opernfestspiele Live abgehakt, am Freitag stehen die Festspiele in Erl auf dem Programm mit der "Lohengrin"-Premiere.


    https://www.tiroler-festspiele…an/produktion/lohengrin-1


    Die Tiroler Festspiele stehen ja nun - nach dem Desaster mit Gustav Kuhn - seit September 2019 unter der Intendanz von Bernd Loebe.

  • Auch in "Rund um die bayerische Staatsoper" gepostet:

    Programm des Konzertes am 30. Juli (so einen Abschied bekommt nicht jeder Intendant)

    PROGRAMM

    Richard Wagner Das Rheingold

    Vorspiel

    Musikalische Leitung Kent Nagano

    Francis Poulenc Dialogues des Carmélites

    Arie der Madame Lidoine aus dem 3. Aufzug: „Mes filles, voilà que s’achève

    Anne Schwanewilms

    Musikalische Leitung Kent Nagano

    Richard Strauss Die schweigsame Frau

    Monolog des Sir Morosus vom Ende des 3. Aufzugs: „Wie schön ist doch die Musik“

    Georg Zeppenfeld

    Musikalische Leitung Kent Nagano

    Claudio Monteverdi L’Orfeo

    Arie des Orfeo aus dem 3. Akt: „Possente spirto“

    Orfeo Christian Gerhaher

    Musikalische Leitung Ivor Bolton

    Wolfgang Amadeus Mozart Le nozze di Figaro

    Cavantina der Gräfin aus dem 2. Akt: „Porgi, amor“

    Diana Damrau

    Musikalische Leitung Ivor Bolton

    Abendempfindung KV 523

    Gesang Anne Sofie von Otter

    Klavier Constantinos Carydis

    Antonín Dvořák Rusalka

    Arie des Prinzen aus dem 2. Akt: „Vidino divna, přesladka“

    Pavol Breslik

    Musikalische Leitung Ivor Bolton

    Giacomo Puccini Suor Angelica

    Romanze der Suor Angelica: „Senza mamma“

    Ermonela Jaho

    Musikalische Leitung Asher Fisch

    Ludwig van Beethoven Fidelio

    Streichquartett Nr. 15 a-Moll op. 132, 3. Satz (Ausschnitt)

    Giacomo Puccini Tosca

    Arie der Floria Tosca aus dem 2. Akt: „Vissi d’arte“

    Anna Netrebko

    Musikalische Leitung Asher Fisch

    Umberto Giordano Andrea Chénier

    Arie des Andrea Chénier aus dem 1. Bild: „Un dì all’azzurro spazio“

    Jonas Kaufmann

    Musikalische Leitung Asher Fisch

    Wolfgang Amadeus Mozart Don Giovanni

    Arie des Leporello aus dem 1. Akt: „Madamina, il catalogo è questo“

    Alex Esposito

    Musikalische Leitung Ivor Bolton

    Gaetano Donizetti La Favorite

    Arie der Léonor aus dem 3. Akt: „O mon Fernand !“

    Elīna Garanča

    Musikalische Leitung Asher Fisch

    Richard Wagner Die Walküre

    Gesang der Sieglinde aus dem 1. Aufzug: „Der Männer Sippe“

    Anja Kampe

    Musikalische Leitung Asher Fisch

    Gesang des Wotan aus dem 3. Aufzug: „Leb wohl, du kühnes, herrliches Kind“

    Bryn Terfel

    Musikalische Leitung Asher Fisch

    Richard Wagner Tristan und Isolde

    Schlussgesang der Isolde aus dem 3. Aufzug: „Mild und leise“

    Nina Stemme

    Musikalische Leitung Asher Fisch

    Richard Wagner Die Meistersinger von Nürnberg

    Vorspiel zum 3. Aufzug

    Gesang des Sachs aus dem 3. Aufzug: „Wahn! Wahn! Überall Wahn!“

    Wolfgang Koch

    Musikalische Leitung Kirill Petrenko

    Richard Strauss Salome

    Schlussgesang von Salome am Ende der 4. Szene: „Ah! Du wolltest mich nicht deinen Mund küssen“

    Marlis Petersen

    Musikalische Leitung Kirill Petrenko

    Erich Wolfgang Korngold Die tote Stadt

    Schlussgesang des Paul am Ende des 3. Bildes: „O Freund, ich werde sie nicht wiedersehn“

    Jonas Kaufmann

    Musikalische Leitung Kirill Petrenko

    Richard Strauss Der Rosenkavalier

    Der „Zeitmonolog“ der Feldmarschallin aus dem 1. Akt: „Da geht er hin, der aufgeblas’ne, schlechte Kerl“

    Anja Harteros

    Musikalische Leitung Kirill Petrenko

    Franz Schubert Abschied D 475

    Gesang Christian Gerhaher

    Klavier Gerold Huber

  • Die Print-SZ titelt:


    Hauptsache lustig

    Erwin Schrott plaudert sich durch einen Liederabend


    von Michael Stallknecht


    https://www.sueddeutsche.de/mu…ott-liederabend-1.5363777


    Anm.: Das war vor 2 Jahren in etwa auch so. Ich fand es nur mäßig lustig, und vor allem wenig ergiebig. Darum habe ich mir das heuer auch gespart.

    2015 (Erwin Schrott & Friends) allerdings war es ein großartiger, richtig "fetziger" Abend, hieß damals "Cuba amiga".