Berliner Paradiese im Leipziger Opernhaus

  • Barbora Horáková Joly inszeniert die Uraufführung der Oper von Gerd Kühr und Hans-Ulrich Treichel.



    Mit der Konzeption der Welturaufführung der Oper „Paradiese“ stellte sich dem Kollektiv der gebürtigen Pragerin Barbora Horáková Joly (geboren 1982) eine vergleichsweise einfache Aufgabe. Keine originellen Einfälle, die die Inszenierung von den unzähligen Arbeiten des gleichen Stückes abheben, waren von Nöten. Andererseits hat aber das fast orts- und zeitnahe Sujet die Tücken, dass noch viele Besucher die Umstände im Berlin der 1970er bis zu den 1990 Jahren näher erlebten, als es den Agierenden möglich gewesen wäre.


    Anders ist die Situation des Texters der Oper Hans-Ulrich Treichel (Jahrgang 1952), der durch 13 Jahre Lehrtätigkeit am Deutschen Literaturinstitut mit Leipzig verbunden, auch in Berlin lebte und lebt. Eigentlich sind seine Themen Flucht und Vertreibung. Aber erst vor wenigen Tagen ist bei Suhrkamp seine groteske Beziehungskomödie, der Roman „Schöner denn je“ erschienen, der ihn als Kenner des Westberlins der 80er-Jahre sowie der Psyche junger Menschen dieser Zeit ausweist.


    In der Oper erlebten wir, wie sich der Student Albert (Mathias Hausmann) zunächst im eingemauerten Westberlin und später in der wiedervereinigten Stadt an vier jungen Frauen abarbeiten muss, um seine Sozialisierung zu suchen. Letztlich bleibt es aber dem Betrachter überlassen, wo Albert seine „Paradiese“ finden könnte: sind es die Liebe der Frauen, materieller Wohlstand, Familienleben, ein Platz in der Gesellschaft, die Freiheit (welche auch immer) und und und.


    Als der Abiturient Albert aus einer beschaulichen Bundesdeutschen Provinz zum Studium nach West-Berlin kommt, gerät er unmittelbar in die Studentenunruhen, die Auseinandersetzung linker Studentengruppen mit dem Hochschul-Establishment der 1968er Zeit. Dabei lernt er auch die Studentin der Politologie Lise (Alina Adamski)kennen, die ihn ohne große Umstände in die „Freie Liebe „ einführt. Die Kollision mit Alberts romantischen Vorstellungen von der Beziehung zwischen Mann und Frau kann nur der Psychiater einigermaßen durch die Konfrontation mit Kindheitserinnerungen kompensieren.


    Mit Stil und einer gewissen Anmut spielt und singt die polnische Sopranistin Alina Adamski die Studentin der Politologie Lise Mit ihrem hellen Sopran bezirzt sie nicht nur Albert sondern auch die Premierengäste.


    Straffe Szenenwechsel dank intensiver Nutzung von Drehbühne und Videoinstallierung kennzeichneten diesen gelungenen Auftakt.


    Im zweiten Akt wurde Albert von seiner aktuellen Freundin, der vor der Abschlussprüfung befindlichen Studentin der Zahnmedizin Friederike (Julia Sophie Wagner) überredet, sich ihr für eine Zahnwurzelbehandlung zur Verfügung zu stellen. Erotisches Geplänkel und der Rausch des Lachgases, vermutlich auch dank strafferer Mittelchen, schicken Albert in die Vision eines Schäferspiels auf der Pfaueninsel, denn in der Vision war Friederike als Braut des Fürsten der Havel-Insel mit Albert durchgebrannt. Mit einem grandios wandlungsfähigen Bühnenbild von Aida Leonor Guardia bot uns Barbora Horáková ein Intermezzo vom Feinsten, bis sich die Vision für das Paar zum Horrortrip einer Beinah-Flucht nach Ost-Berlin entwickelte. Besonders beeindruckten die fantasievollen Kostüme von Eva Butzkies, zumal sie für die übrigen Opernteile nur die OTTO-Kataloge der Zeit bemühen musste.


    Fast extremes Selbstbewusstsein bekommt die angehende Zahnärztin Friederike von Julia Sophie Wagner verordnet. Mit von Bachs Oratorien kultiviertem leicht eingedunkelten Sopran meistert sie selbstbewusst die Tücken der Partitur.


    Beim Studentenjob als Theatermaler kam Albert in Verbindung mit der eigenwilligen Schauspielerin Marie (Christiane Döcker), die für eine Premiere des düster-archaischen Drama des Euripides „Die Bakchen“ bevorzugt allein und des Nachts probte. In der unvermeidlichen Beischlafszene tritt, regelrecht mystisch, in Alberts Unterbewusstsein der Chor der Bacchantinnen auf, und fordert, frei nach Euripides, von der Mutter Agaue-Marie des Pentheus-Albert den Tod des Sohnes, weil er den Kult des Dionysos verhöhnt habe. Was diese, nicht so blutig wie im Original, aber doch vollzieht.


    Wieder bei Sinnen, schickt Marie ihren gehabten Liebhaber Albert wegen des Altersunterschieds weg.

    Mit ihrem sicher geführten, schöntimbrierten Mezzo konnte Frau Döcker diese schwierige Aufgabe grandios erfüllen.


    Sollte der vierte Akt als ein Beitrag zur Deutung der sich in der Gesellschaft noch immer verstärkenden Ostalgie gewesen sein, so halte ich ihn für absolut misslungen. Dass das Paradies des gesamtdeutschen Paares Anna (Magdalena Hinterdobler) und des nunmehrigen Doktoranten Albert in einer Hausfrauenidylle und intensiver Sexualität in einer spießigen Wohnküche am Berliner Prenzlauer Berg ist, mag es geben. Aber dass der Anna beim nostalgischen Umgang mit Artefakten ihrer Pioniervergangenheit Alpträume in Gestalt von Bacchantinnen-Schwärmen und demonstrierenden Studenten ist ein reines Produkt ost-fremder Fantasien. Da konnten auch Gespräche über Weimar, Hitler, DDR, Wiedervereinigung und ein Jenseits nach dem Tot wenig retten.


    Mit der Erfahrung einer 19-jährigen Arbeitsemigration in Westdeutschland bin ich mir sicher, wie wenig sich die Wessis tatsächlich mit den Menschen Ostdeutschlands gedanklich beschäftigt haben. Dieser Aspekt der deutschen Geschichte ist künstlerisch nur von Menschen mit Familiengeschichte und wahrscheinlich erst in späteren Jahren zu gestalten.


    Die Sopranistin Magdalena Hinterdobler verdient aber für ihren mit warmen, bewegenden Sopran und den massiven körperlichen Einsatz bei der Gestaltung der Anna volle Anerkennung.


    Mit dem Österreicher Mathias Hausmann war die männliche Hauptrolle nahezu ideal besetzt. Er sieht gut aus, hat Humor, Persönlichkeit und singt kraftvoll mit einem differenzierten Bariton.


    Neben den tragenden Rollen waren noch neun recht gut besetzte Sängerdarsteller in 15 kleineren Rollen auf der Bühne tätig und ergänzten das turbulente Geschehen. Etwas herausragend empfand ich die Szene des Baritons Julian Dominique Clement mit dem Tenor Einar Dagur Jónsson im dritten Akt.


    Dem Chor, sprich der Statisterie, gab die Regie ein recht ordentliches Aufgabenpensum. Den Auftritten war aber eher ein Agitprop-Charakter zugeordnet.


    Mit seiner Musik bildet der aus Kärnten stammende Komponist Gerd Kühr (Jahrgang 1952) lebendig die Vielschichtigkeit des Lebens mit all seinen Reibereien ab. Bekannt ist Kühr vor allem mit seinem ausdrücklich minimalen Einsatz musikalischer Mittel. Mit seiner hier aber breiter angelegten Musik schafft er den unsicheren Stationen der Treichelschen Handlung eine sichere Kontinuität und eine gewisse Stabilität. Besonders reizvoll sind die Unschärfen, die Verschiebungen von Tonhöhen, Klängen und Tempi.


    Barbora Horáková Joly sichert mit ihrer klaren Handschrift ein beeindruckendes Bild des verrückten, etwas mystischen Westberlins seiner späten Jahre, weniger des gesellschaftlichen Umbruchs der komplizierten Zeit einer vereinigten Hauptstadt.


    Das Gewandhausorchester mit dem Musikalischem Leiter Ulf Schirmer hielt das Bühnengeschehen mit der gewohnten Präzision und Klanggewaltigkeit zusammen.


    Dem Dresdner Besucher auffallend war die breit gestaffelte Altersstruktur der Premierenbesucher, was hoffen lässt.


    Autorin der Bilder: Kirsten Nijhof